Joggen am Rennsteig


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Der Rennsteig


Kein Anfang und kein Ende


Wege, die mit dem Namen "Rennsteig" bezeichnet sind, gibt es in Deutschland viele; mehr als 200 an der Zahl. Der, um den es hier geht, ist ein ganz besonderer. Geschichtsträchtig und außergewöhnlich markant, urwüchsig und naturbelassen, ein Paradies für Jogger, Wanderer, Skiläufer und Erholungssuchende auf einer mit anderen Routen unvergleichbaren Strecke und Lage - all das ist der Rennsteig, der Höhenweg des Thüringer Waldes. Und noch viel mehr. Er ist Sprachgrenze und Wasserscheide. Im Mittelalter markierte er die Grenze zwischen Franken und den thüringisch-sächsischen Herzogtümern.

Heute verbindet der Rennsteig die Menschen in Thüringen und Deutschland, er führt sie zusammen: Über eine Million Besucher kommen jedes Jahr hierher.

Erstmals erwähnt soll der Rennsteig als "Rynnestig" schon im Jahr 900 worden sein. Die erste verbürgte urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1330. Der Name hatte durchaus etwas mit rennen zu tun: Im Mittelalter stand das Wort "rinnen" für schnelle Fortbewegung. Daran sieht man, dass der Thüringer Höhenweg den Menschen nicht erst heute, sondern seit Jahrhunderten als Route dient.

Eine wichtige Rolle spielte der Rennsteig über lange Zeit vor allem als Verbindungsweg zwischen den Passübergängen der alten Handelsstraßen, auf denen Güter zwischen den Handelszentren in Süd- und Norddeutschland transportiert wurden. Noch heute deuten Begriffe wie "Ausspanne" und "Grenzadler" auf die einstigen Passübergänge hin.

Der Rennsteig verbindet Blankenstein an der Saale mit Hörschel an der Werra.

Der Rennsteig reicht von der Werra bis zur Saale, von Hörschel bis Blankenstein. Oder umgekehrt? Es gehört auch zu den Charaktermerkmalen des Thüringer Kammwegs, dass er keinen Anfang und kein Ende hat; er verläuft in die eine wie in die andere Richtung - je nachdem, an welchem Punkt man sich befindet. Wer also über den Rennsteig joggt, kann das in die eine wie in die andere Richtung tun. Beides hat seinen ganz eigenen Reiz sowie eine Gemeinsamkeit: Die ersten dreißig, vierzig Kilometer geht es stets bergauf, bis man den Kamm erreicht hat, auf dem man zwischen 800 und 900 Metern Höhenlage auf einem recht ausgeglichenen Profil laufen kann.

Rennsteig-Schild in Brennersgrün.

Wie lang ist der Rennsteig? Darüber lässt sich trefflich streiten. Vielleicht geht es aber gar nicht in erster Linie um Genauigkeit auf den Meter. Erstmals vermessen wurde der Rennsteig im Jahr 1666, und zwar durch den Oberförster Martin Nees im Auftrag von Ernst dem Frommen. Eine Längenangabe ist aus jener Zeit nicht überliefert, doch das war wohl auch nicht der Auftrag des Herzog, denn der wollte den Rennsteig vor allem für militärische Zwecke als Heeresstraße nutzbar machen und ließ ihn daher kartografieren. 1808 zog Napoleon aus Kronach kommend über den Rennsteig in Richtung Jena und Auerstedt, doch ansonsten hat der Weg eine besondere militärische Bedeutung nie erlangt.

Ganz anders, was den Tourismus betrifft: Als 1830 der Topograf Julius von Plänckner die Strecke von Blankenstein bis Hörschel erstmals komplett bewanderte und zwei Jahre später einen viel beachteten Reisebericht schrieb, schlug die Stunde des Rennsteigs als Wanderweg. 168,3 Kilometer misst seine Länge - oder doch nicht? Man könnte es so sagen: Zu DDR-Zeiten war er kürzer und heute ist er länger. Kürzer, weil mit der deutsch-deutschen Teilung die Grenze auch den Rennsteig zerschnitt. Kurz hinter Ernstthal war er zu DDR-Zeiten nach nur 120 Kilometern zu Ende. Der Rest der Strecke verlief im Grenzgebiet. Erst mit der deutschen Einheit war der Höhenweg seit 1990 wieder komplett begehbar.

Noch heute sind Spuren der Teilung in der Landschaft zu finden: An der thüringisch-bayerischen Landesgrenze passiert der Rennsteig-Besucher mehrfach den Kolonnenweg, wo die DDR-Grenzer einst patrouillierten.

Länger ist heute der Rennsteig für Gäste, die dem steinernen Rennsteigwanderer in Blankenstein Glauben schenken. Auf dem Relief ist die Entfernung nach Hörschel nämlich mit 171 Kilometern angegeben. Das freilich ist nicht ganz richtig. Exakt neu vermessen wurde der Rennsteig im Jahr 2003 vom Thüringer Landesamt für Vermessung und Geoinformation, und siehe da, auch hier kam eine etwas größere Distanz heraus: 169,3 Kilometer. Was immer die korrekteste aller Angaben sein mag: Der Tatsache, dass wir es mit dem längsten historischen Kurier- und Verbindungsweg in Deutschland zu tun haben, tut das keinen Abbruch.

Am Rennsteig bewegt man sich nicht irgendwo. Sehenswürdigkeiten säumen den Höhenweg. Die Wartburg bei Eisenach, eines der bedeutendsten deutschen Kulturdenkmale, liegt nur einen Steinwurf entfernt. Der Inselsberg ist ein besonders markanter Gipfel, von dem aus man bei guter Fernsicht den Brocken sehen kann. Die Ebertswiese auf knapp 800 Metern Höhe, seit 1936 unter Naturschutz stehend, stellt ein unvergleichliches Biotop dar, auf dem Gräser und Blumen gedeihen, die anderenorts längst verschwunden sind. Oberhof ist als Ort des Wintersports berühmt geworden, aus dem viele Olympiasieger und Weltmeister kommen. Der Bahnhof Rennsteig auf 747 Metern ist einer der höchstgelegen weit und breit, auch wenn hier kein regelmäßiger Zugverkehr mehr stattfindet. In Neuhaus kann man die Tradition der Glasbläser bestaunen, die ihre kunstvollen Formen noch heute auf traditionelle Weise herstellen.

Der Eichelberg, letzte Erhebung vor Hörschel.

Mit einem Wort: Ob Kultur, Geschichte, Sport oder Naturschauspiel - an allem kann der Besucher hier teilhaben. Und genau das ist die Faszination Rennsteig: die vielen unterschiedlichen Eindrücke, die entlang des Thüringer Kammwegs zu sammeln sind. Einzige Voraussetzung ist, dass man Nähe herstellt, sich wirklich einlässt auf den manchmal ein bisschen rau wirkenden Höhenzug. Ein Kurzbesuch hier für ein paar Stunden mag schön, die Gegend beschaulich sein. Zum Erlebnis wird der Rennsteig erst, wenn man ihn sich selbst erschließt. Wer das als Jogger versucht, darf sich auf eine Herausforderung genauso wie auf ein unwiederbringliches Erlebnis freuen.


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