Joggen am Rennsteig


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Sportplatz Natur


Wie das Laufen auf dem Kammweg entstand


Als der Pfarrer, Pädagoge und Philanthrop Christian Gotthilf Salzmann 1784 am Fuße der Thüringer Berge in Schnepfenthal eine Erziehungsanstalt gründete, begann die Zeit des Sports am Rennsteig. Der historische Höhenweg durch den Thüringer Wald hatte über Jahrhunderte als Grenze zwischen den Herzoghäusern und Fürstentümern gedient, er war Boten- und Kurierweg, Wasserscheide und Sprachgrenze. Ein Ort der sportlichen Betätigung war der Rennsteig nicht.

Christian Gotthilf Salzmann jedoch hatte genau das im Sinn. "Für den Körper meiner Schützlinge werde ich so sorgen, daß er Gesundheit, Kraft, Festigkeit und Geschicklichkeit bekommt, stets eingedenk meines Grundsatzes, daß es schwer sey, daß eine glückliche und starke Seele in einem schwächlichen Körper wohnen und wirken könne." Die im Salzmannschen Pamphlet propagierte Synthese zwischen Körper und Geist war nicht nur ein völlig neuer Erziehungsansatz in der deutschen Pädagogik. Es war auch die "Geburtsurkunde" für das Laufen und den Sport am Rennsteig.

Den inmitten eines Naturparadieses über weite Strecken der Thüringer Berge gleichmäßig verlaufenden Höhenweg als Grundlage für Ausdauer und Bewegung zu nutzen, ohne dafür Stadien und Sportplätze bauen zu müssen - das war ein einfacher und gleichzeitig genialer Gedanke. Er ist es bis heute geblieben. Es gibt nur wenige Plätze, an denen der sich körperlich betätigende Mensch mit der Natur so zusammenwächst wie hier. Sporttreiben in seiner ganzen Ursprünglichkeit, das macht das Laufen am Rennsteig so einzigartig.

In dem Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths fand Salzmann einen Lehrer, der seine neuen, für die damalige Zeit revolutionären Vorstellungen in einen praktischen Schulunterricht umsetzte.

Joggen über den Eselsberg bei Masserberg.

Der Reformpädagoge brachte ab 1785 ganz neuartige Ideen in den Unterricht ein, vor allem, was den praktischen Teil betraf. So hatte GutsMuths in unmittelbarer Nähe der Internatsschule einen Gymnastikplatz errichten lassen. Nicht lange, und er führte noch etwas Neues ein: das Laufen in freier Natur. GutsMuths hielt es für eine der "heilsamsten Übungen für die Gesundheit und Stärkung des Körpers" überhaupt. Der Sportplatz Natur, auf dem er selbiges mit seinen Schülern fortan unternahm, lag genau vor seiner Haustür: Es war der Rennsteig des Thüringer Waldes. Und so sah man die Schnepfenthaler Schülergruppen fortan regelmäßig beim Dauerlauf auf dem Kammweg. Sie begründeten vor mehr als 200 Jahren das Laufen am Rennsteig.

Der Rennsteig bei Neuhaus.

GutsMuths erkor die Thüringer Berge ganz bewusst zu seinem läuferischen Terrain. "Der Gymnast", dozierte er, "wählt das freie, ebene und unebene Feld, Berg, Tal und Wald." Indem der Läufer die "Waldung in geraden Linien" durchschreite, könne er seinen Körper "auf vielerlei Art üben". Der weitsichtige Pädagoge hatte damit nichts Geringeres als den Crosslauf erfunden. Dafür eignete sich der Rennsteig ganz hervorragend - und er tut es bis zum heutigen Tag. Nirgendwo anders gibt es eine Strecke in einer Gesamtlänge von fast 170 Kilometern, die dem Wandersmann wie dem Läufer so viel Gleichmäßiges, aber gleichzeitig so viel Unterschiedliches bietet. Das Auf und Ab, der Lauf auf freier Lichtung wie in dichtem Tann, hinunter ins Tal und wieder hinauf auf fast eintausend Meter, phantastische Ausblicke von den majestätischen Gipfeln - all das bietet der Sportplatz Rennsteig. Läufer wissen das zu schätzen.

Zufall oder nicht, dass sich ein Offizier aus Gotha vom Rennsteig hinreißen ließ zu einer Zeit, da GutsMuths noch immer Lehrer am Schnepfenthaler Gymnasium war. (Er blieb es fünfzig Jahre lang und starb, achtzigjährig, erst 1839.) Der Major Julius von Plänckner war für das Haus Sachsen-Gotha in die napoleonischen Kriege gezogen und kam hoch dekoriert und unverletzt von dort zurück. Dem Herzog fiel auf, dass Plänckner neben seiner militärischen Ausbildung Kenntnisse im Vermessungswesen und der Kartographie vorzuweisen hatte. So kam es, dass er ihn mit der Projektierung und dem Bau der Straße von Gotha nach Suhl betraute, die bei Oberhof über den Thüringer Kammweg führte. Dabei wurde Plänckner auf den Rennsteig aufmerksam. Was war das für eine markante Strecke, und von wo nach wo führte sie eigentlich?

Man schrieb das Jahr 1830, als sich Plänckner schließlich auf den Weg machte, den Höhenweg zu erkunden. Er wanderte die Strecke von Hörschel nach Blankenstein und benötigte dafür an fünf Tagen zusammengerechnet 43,5 Stunden. Es war, wenn man so will, der erste Rennsteigrekord, welcher in einen viel beachteten Reisebericht mündete, der den Höhenweg erstmals komplett beschrieb. Julius von Plänckner weckte damit Interesse für den Rennsteig weit über die Region hinaus. Ihm gebührt das Verdienst, den Weg für die moderne Rennsteigtouristik, für Besucher und Erholungssuchende, für Wanderer wie für Sportsmänner und -frauen bereitet zu haben. Übrigens: Heute kommen jedes Jahr über eine Million Besucher in den Thüringer Wald.

Nach Plänckners Pioniertat folgte der Ansturm auf den Rennsteig nicht gleich auf dem Fuße. Es brauchte noch ein halbes Jahrhundert, bis der Kammweg zum Parcours für den Sport und das Laufen wurde. Interessanterweise setzte die sportive Nutzung nicht durch leichtathletische Läufer, sondern durch Wintersportler ein - ausgangs des 19. Jahrhunderts. Das ist insofern bemerkenswert, da es sich beim Skifahren im Gegensatz zum Laufen um eine neuartige, aus Skandinavien importierte Betätigung handelte und man dazu Bretter brauchte.

Johann Christoph Friedrich GutsMuths
begründete das Laufen am Rennsteig.

Wer die ersten Läufer waren, die auf zwei Latten am Thüringer Rennsteig durch den Schnee stapften, wissen die Chronisten nicht hundertprozentig zu sagen. Der Erfurter Regierungsrat Dr. Wilhelm Offermann, später erster Präsident des Deutschen Skiverbandes, schrieb in seinen Erinnerungen, dass er bereits im Winter 1883/84 "von Erfurt aus das Skilaufen begonnen" hatte. Wenig später querte Offermann von Suhl aus den Rennsteig über die Schmücke nach Manebach. Das darf als der erste Skilauf am Rennsteig angesehen werden. Die Entwicklung danach war stürmisch. Kurz nach der Jahrhundertwende erfolgte ein wahrer Boom der Vereinsgründungen, mit denen sich Skisportler zusammenschlossen, um ihrem neuartigen Sport fortan gemeinsam zu frönen, dem Laufen am Rennsteig.

Grenzadler bei Oberhof: Hier trainieren Weltmeister.

Was in einhundert Jahren aus diesen zaghaften Anfängen des organisierten Wintersports in den Thüringer Bergen wurde, hat Einmaligkeitswert. Heute ist die Laufbegeisterung grenzenlos, ob im freizeitsportlichen oder im leistungsorientierten Sinn. Und je höher die Zahl der Enthusiasten und Idealisten, der Fans und Skiverrückten, desto größer auch der sportliche Erfolg. Mittlerweile sind es allein im Skisport rund 80 Olympiasiege, Welt- und Europameistertitel, die am Rennsteig geboren wurden. Nimmt man das Rodeln und Bobfahren hinzu, haben Thüringer Wintersportler bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften insgesamt fast 600 Medaillen errungen. Die Liste der Legenden ist lang: Sie reicht von Helmut Recknagel bis Gerhard Grimmer, von Hans-Georg Aschenbach bis Frank Ullrich, von Sven Fischer bis Kathi Wilhelm, von Mark Kirchner bis Axel Teichmann. Sie und viele andere, die es im Wintersport zu etwas brachten, sind Kinder des Rennsteigs. Er ist ein Quell des Sports, der bis nach Olympia reicht.

Diejenigen, die es im Sommer als Läufer mit dem Höhenweg aufnahmen, ließen sich ein wenig mehr Zeit. Zwar war im Jahr 1896 der Rennsteigverein gegründet worden, doch der fühlte sich mehr der Natur und dem Wandern verpflichtet. Das Laufen auf dem Kammweg war dennoch nicht aufzuhalten.

Den ersten solchen Rennsteiglauf der Geschichte gab es wohl am 26. August 1924 - vom Schneekopf nach Schmiedefeld. Der Sieger - ein Läufer namens Weber aus Erfurt - durchquerte die 10,5 Kilometer immerhin in 39:47 Minuten und konnte den Zweitplatzierten ganze "sechzig Meter" hinter sich lassen. Seit dieser Zeit finden sich in den Chroniken immer wieder Anlässe, zu denen der Rennsteig an den unterschiedlichsten Stellen und zu den verschiedensten Läufen die Sportler angezogen hat.

Es war folgerichtig, dass sich daraus mehr entwickelte - doch nicht, weil es der organisierte Sportbetrieb so wollte, sondern weil der Rennsteig auf ein paar Verwegene eine ganz spezielle Anziehungskraft ausübte. Schon 1971 und 1972 waren Weimarer und Jenaer Orientierungssportler zu Testläufen am Rennsteig unterwegs gewesen. Sie vereinte das Ziel, den damals, zu DDR-Zeiten, zugänglichen Rennsteig einmal komplett läuferisch zu bezwingen.

Die Idee war so einfach wie faszinierend, aber auch subversiv. Denn in den durchgeplanten und von den DDR-Sportoberen verwalteten Wettkampfkalender wollte eine Veranstaltung, die "einfach so" von ein paar Laufverrückten erfunden worden war, nicht recht passen.

Doch die hatten Fakten geschaffen: Am 13. Mai 1973 fanden sich die Studenten Hans-Joachim Römhild, Wolf-Dieter Wolfram und Jens Wötzel sowie der Jenaer Hochschulassistent Hans-Georg Kremer morgens um 7 Uhr an der Hohen Sonne bei Eisenach ein. In knapp zehn Stunden kamen sie bis kurz vor Masserberg. Dies war die Geburtsstunde des GutsMuths-Rennsteiglaufs. Keine andere Veranstaltung hat das Laufen am Rennsteig seither so geprägt wie dieser alljährliche Höhepunkt im Mai. Heute ist der Lauf, der sich nicht von ungefähr den Namen des berühmten Schnepfenthaler Pädagogen gab, ein Großereignis, bei dem es einen Ultramarathon über 75 Kilometer, einen Marathon und einen Halbmarathon gibt.

Zielankunft in Schmiedefeld beim alljährlichen Rennsteiglauf.

Was ist mehr als zweihundert Jahre nach GutsMuths der Reiz des Joggens am Rennsteig? Gelaufen wird heute an vielen Orten. Kaum eine größere Stadt, die sich nicht einen Marathon leistet. Die sportliche Herausforderung, das Lauferlebnis, das gut vermarktete Highlight - das ist das eine. Doch das können Läufer an vielen Stellen haben. Am Rennsteig gibt es mehr als das: die Wartburg, eines der bedeutendsten deutschen Kulturdenkmäler, den Inselsberg, diesen markanten wie imposanten Gipfel, die Ebertswiese, ein unberührtes Biotop der Natur, Oberhof, das berühmte Wintersportzentrum, den Schönwappenweg, der die Spur der Steine aus verschiedenen Jahrhunderten zeigt. Deutschlands längster und ältester Wanderweg, Grenzlinie und Kurierverbindung, sagenumwobener Naturpfad und Laufstrecke ist vieles in einem: Geschichte und Kultur, Naturschauspiel und natürlich Sportplatz. Es ist der Rennsteig selbst, der das Laufen hier einzigartig macht.

P.S.: In ausführlicher Version ist dieser Text im Buch zu lesen.


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